Spätestens seit dem Herbst 2008 legen zunehmende Turbulenzen auf internationalen Güter-, Arbeits- und Finanzmärkten Stück für Stück offen, dass die derzeitig dominierende Volkswirtschaftslehre mit den angewandten Methoden und inhaltlichen Fundamenten zu kurz greift. Was mehreren Generationen von Volkswirten als intuitiv plausibel schien, stellt sich bei näherem Hinsehen auf verschiedenen Ebenen als inkonsistent heraus. Die Volkswirtschaftslehre entpuppt sich als Wissenschaft mit Tunnelblick, die durch ihre „rules of the game“ und inhaltlichen Grundlagen nur eine bestimmte Perspektive auf Ökonomie und menschliches Verhalten einnehmen kann.

Sowohl Zivilgesellschaft, Politik und wissenschaftliche Nachbardisziplinen, als auch VolkswirtInnen außer- und stellenweise sogar innerhalb der dominierenden VWL kritisieren die Mainstream-Ökonomik. Auf der einen Seite gibt es Kritik, die sich durch Alternativvorschläge artikuliert (konstruktive Kritik) oder die auf der anderen Seite an der Vorgehensweise oder den Ergebnissen der dominanten VWL ansetzt (dekonstruktive Kritik). Sie hat je nach Art der Kritik unterschiedliche Konsequenzen, sei es z.B. Veränderungen innerhalb einer Theorie, Übernahme gewisser Ansätze oder die gänzliche Überwindung dominanter Perspektiven. Die Kritik richtet sich mal an die Lehre, mal an die volkswirtschaftliche Forschung oder an den Einfluss ihrer Ergebnisse auf Gesellschaft und Politik. Dabei wird eine Vielzahl von Begriffen für den Kritikgegenstand – die Standard-VWL – und alternative Perspektiven in der Ökonomik verwendet. Das führt dazu, dass letzten Endes nicht klar ist, was genau kritisiert wird und ob die Kritik überhaupt zutrifft.

Ein Motiv der folgenden Zusammenstellung ist es, ein auf Ebenen basiertes Einordnungsraster für die angebrachte Kritik anzubieten. Damit lässt sich ein Überblick zur besseren Beurteilung verschiedener Perspektiven in der VWL gewinnen und einfacher zu einer begründeten Fokussierung eigener Kritik oder eigener Arbeiten gelangen.
Die Kritik an der VWL ist nicht erst in den letzten Jahren aufgeblüht, sondern sie besteht schon seitdem die VWL als wissenschaftliche Disziplin existiert. Große Wellen der Kritik gab es z.B. in der Zwischenkriegszeit oder in den 1970er Jahren. In dieser Zeit gab es eine im Vergleich zu heute, stärker multiperspektivisch aufgestellte VWL. Heute jedoch weist der dominierende Mainstream eine konstante Resistenz gegen die meisten Einwände auf. Die Etablierung einer „geistigen Monokultur“ (Silja Graupe) in der VWL sowie die Frage, warum vorgebrachte Kritik nicht konstruktiv in wissenschaftlichem Fortschritt mündet, lässt die Potentiale einer methodisch und inhaltlich bereiter breiter aufgestellten Ökonomik ahnen.

Das untenstehende Schema soll obige Erläuterung illustrieren sowie als roter Faden für die folgende Zusammenstellung von Texten und Hinweisen sein:

Lukas Schema Kritikebenen.jpg


















Aufbau der Zusammenstellung:

  1. Begriffsklärung
    1. Ökonomie und Ökonomik
    2. Mainstream
    3. Orthodox
    4. Heterodox
    5. Neoklassik
    6. Literatur
  2. Ebenen der Kritik
    1. Wissenschaftstheoretisch (im Schaubild A-E)
    2. Metatheoretisch (F)
    3. Wissenschaftssoziologisch (G)
    4. Populärwissenschaftlich (H)


1. Begriffsklärung

Die folgenden Umschreibungen, sind Ergebnisse der Lektüre unten stehender Texte, sowie des Studiums der Verfasser. Für Vollständigkeit können wir nicht garantieren.

1.1 Ökonomie – Ökonomik

Ökonomie (Wirtschaft) ist der Gegenstand von Ökonomik (Wirtschaftswissenschaft)

1.2 Mainstream

Colander (2004): „It (the Mainstream) is not a term describing a historically determined school, but is instead a term describing the beliefs that are seen by the top schools and institutions in the profession as intellectually sound and worth working on.” (S. 5)

Beim Mainstream handelt es sich also um die Arbeiten, die von einer breiten Anzahl von Personen übereinstimmend als wissenschaftlich erachtet, von daher gefördert und zahlreich produziert werden. Es handelt sich also um ein weitgefasstes Konzept, das im Prinzip
viele Ideen nebeneinander akzeptiert. Die Vielfalt der Ideen hängt allerdings von der Auslegung des Demarkationskriterium ab, welches versucht Wissenschaft von Nicht-Wissenschaft abzugrenzen..

Dieses Demarkationskriterium kann von Epoche zu Epoche unterschiedlich sein. Es bietet sich an, das Demarkationskriterium zwei-dimensional zu begreifen. Zum einen epistemologisch und zum anderen inhaltlich (ideologisch). Dieser inhaltliche Teil mag als historische Mischung (eklektisch) vergangener dominanter Schulen, bzw. vergangenem Mainstream und der aktuell dominanten Schule verstanden werden. Er ist nicht unumstößlich, ohne die gesamte Ökonomik in Frage zu stellen und wird meist nicht hinterfragt oder getestet.

Momentan könnte man den Mainstream als modellzentriert in der Epistemologie (Methodologie) beschreiben, wobei nur mathematisch formalisierte Hypothesen als „vollwertig“ bzw. wissenschaftlich (im Sinne der Ökonomik) erachtet werden. Inhaltlich (ideologisch) gesehen, beruht die Ökonomik des aktuellen Mainstreams auf der „competitive price theory“. Dabei allokiert der Preismechanismus angesichts definitiver, sichtbarer Präferenzen der Konsumenten (revealed preferences) und relativen Knappheit die Güter. Dabei strebt die Ökonomie ein allgemeines Gleichgewicht an, welches in diesem Zustand keinen besser stellt ohne irgendjemanden schlechter zu stellen (Pareto-optimaler Zustand).

1.3 Orthodox

Der Begriff orthodox dient dazu, die jeweils im Mainstream dominante Schule konkret zu beschreiben. Man geht davon aus, dass die Neoklassik momentan die orthodoxe Schule innerhalb der Ökonomik darstellt, da sich eine Großzahl von wissenschaftlichen Arbeiten nach den fundamentalen Postulaten bzgl. menschlichen Verhaltens und Vorgängen in der Ökonomie ausrichten.

1.4 Heterodox

So werden alle Schulen verstanden, die in starkem Ausmaß von den im Mainstream geforderten Demarkationskriterien abweichen. Dabei ist es nicht notwendig, sich sowohl in der methodologischen Herangehensweise UND des ideologischen Kerns zu unterscheiden, sondern oft finden sich Mischungen. Der Begriff wird zudem häufig von Vertretern alternativer Ansätze verwendet, um sich vom Mainstream abzugrenzen.

1.5 Neoklassik

Die Kernkategorien in der Neoklassik scheinen sehr allgemein gesprochen Rationalität, Optimierung und Gleichgewicht zu sein. Der Fokus auf dem Individuum zur Erklärung sozialer Institutionen und Prozesse (methodologischer Individualismus) gelten ebenso als unumgänglich, wie die Einstellung die grundlegenden Postulate, verstanden als intuitiv plausible Essenz der Dinge durch Nachdenken und Beobachtung des Nachbarn zu erkennen (Essentialismus/ Platonismus).

1.6 Literatur zur Begriffsklärung:

Einführend:
  • Colander, David (2000): „The Death of Neoclassical Economics“ Journal of the History of Economic Thought.

Allgemein:
  • Blaug, Mark (1980): „The methodology of economics“, Cambridge University Press.
  • Colander David (2004): „The changing Face of Mainstream Economics“, Review of Political Economy.
  • Kapeller, Jakob (2011): „Modell- Platonismus in der Ökonomie. Zur Aktualität einer klassischen epistemologischen Kritik.“ Peter Lang Verlag.
  • Rizvi, S.Abu Turab (2003): "Postwar Neoclassical Microeconomics", Blackwell Publishing


2. Ebenen der Kritik

Nun wollen wir uns der dekonstruktiven Kritik annehmen, die sich „einer institutionalisierten Praxis, eines Diskurses, einer Institution“ (Butler 2001), also direkt dem Kritikgegenstand per se widmet. Wir nehmen hierfür eine Aufteilung in vier verschiedene Ebenen vor:
  1. Wissenschaftstheoretisch (im Schaubild A-E)
  2. Metatheoretisch (F)
  3. Wissenschaftssoziologisch (G)
  4. Populärwissenschaftlich (H)


2.1 Wissenschaftstheoretische Kritik

Allgemein wird Wissenschaftstheorie als systematische Erfassung von Prozessen der Erkenntnis und ihres Ausdrucks gesehen. Wissenschaftstheorie oder auch die Wissenschaftsphilosophie wird von den meisten als eine, den praktizierenden Wissenschaften vorausgesetzte skelettartige Erfassung von Einschränkungen der Erkenntnisgewinnung (Ontologie), der Beschaffenheit des Umfelds der Erkenntnisgewinnung (Ontologie), den Weg der Erkenntnisgewinnung und seiner Rechtfertigung (Epistemologie und Methodologie), sowie die Rolle der Erkenntnisgewinnenden (Axiologie, Menschenbild) verstanden. Dabei kann die Wissenschaftsphilosophie selbst als Teil einer Interpretation von Wissenschaft per se betrachtet werden. Es gibt zahlreiche Ansätze, die dem Prozess der Erkenntnisgewinnung eine Logik zu überschreiben versuchen. Man findet vor allem in der Wissenschaftssoziologie Ansätze, diesen Prozess als soziale Tätigkeit innerhalb verschiedener Interpretationen von Wissenschaft und Wirklichkeit zu verstehen und zu beschreiben.

Eine kleine Übersicht:
  • Ontologie - Zu den Grenzen der Erkenntnisfähigkeit: Gibt es soziale Realität schon vor der Beobachtung (Naturgesetze) oder entsteht Bedeutung erst durch Interaktion, teilnehmende Beobachtung?
  • Epistemologie - Wie komme ich zur Erkenntnis? In welcher Form begreife ich Realität?
  • Menschenbild - Sind Menschen in ihrem Verhalten determiniert (Determinismus)? Oder erzeugen sie vielmehr ihre Umwelt selbst (Sozial-Konstruktivismus, Voluntarismus)?
  • Methodologie- Welche konkreten Werkzeuge wissenschaftlichen Arbeitens ergeben sich aus den Ergebnissen der Reflexion obiger Punkte?
  • Axiologie - Ist Wissenschaft werturteilsfrei?

Literaturverzeichnis Wissenschaftstheoretische Ebene:

Einführend:

Ontologie
  • Tony Lawson: Reorienting Economics
  • Hans Albert: Theorie und Realität
  • K.-H. Brodbeck(1998): Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie

Epistemologie
  • F. von Wieser (1884): Über den Ursprung und die Hauptgesetze des wirthschaftlichen Werthes, Wien.

Menschenbild
  • J. von Neumann, O. Morgenstern (1961): „Spieltheorie und wirtschaftliches Verhalten”
  • Jeremy Bentham: „Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung“

Methodologie
  • Milton Friedman – The Methodology of Positive Economics
  • John Neville Keynes (1891): “The Scope and Method of Political Economy”
  • John Stuart Mill (1892): “Principles of Political Economy” und “ Einige ungelöste Probleme der Ökonomie”
  • Karl Popper (): “Die Logik der Forschung”
  • T.Veblen (1898): „Why is Economics not an Evolutionary Science“, Quarterly Journal of Economics 12.
  • Keen, Steve (2011): Debunking Economics (Infos hier)
  • Heise, Arne (2007): Das Ende der neoklassischen Orthodoxie? Oder: Wieso ein methodischer Pluralismus gut täte
  • Komlos, John (2012): A Critique of Pure Economics
  • Blaug, Mark (1980): „The methodology of economics“, Cambridge University Press.

Axiologie
  • Max Weber: "Objectivity and Understanding in Economics" in Philosophy of Economics, D.M. Hausman
  • Hilary Putnam: "The Collapse of the Fact/Value Dichtotomy and Other Essays", Harvard Universtity Press
  • Hildebrand, Bruno (1863): "Die gegenwärtigen Aufgaben der Wissenschaft der Nationalökonomie", in: Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunt (1922), Jena.
  • Memorandum: Für eine Erneuerung der Ökonomie (Berlin, 13.3.2012)

2.2 Metatheoretische Kritik

Forschung

Lehre



2.3 Wissenschaftssoziologische Kritik



2.4 Populärwissenschaftliche Kritik